KÖRPER IM WIDERSTAND | 20. April 2026

Kurzfilme der Erfurter Künstlerin Gabriele Stötzer und ihrem Künstler:innen-Kollektiv – Einführung: Lea Lünenborg, Gast: Claus Löser

Veitstanz/Feixtanz © Gabriele Stötzer

Jahresthema – kuratiert von Lea Lünenborg

In den Super-8-Filmen der Erfurter Künstlerin Gabriele Stötzer entfaltet sich ein radikal anderes Kino: kollektiv, körperlich, anarchisch. Die Filme entstanden im Untergrund, abseits staatlicher Produktionsstrukturen. In ihrer formalen Freiheit markieren Stötzers Arbeiten einen feministischen und queeren Gegenentwurf zum offiziellen Kulturapparat.

Gezeigt werden:

  • Trisal (1986) ca. 20 min.
  • Veitstanz / Feixtanz (1988) ca. 20 min.
  • Kentaur (1988) 9 min.
  • …hab ich euch nicht glänzend amüsiert? (1989) 12 min. 

Mit Einführung von Lea Lünenborg und Gespräch mit Filmemacher und Filmkritiker Claus Löser.

Trisal (1986) ca. 20 min

Filmstil: Trisal (1986)

In „Trisal“ verarbeitet Gabriele Stötzer jene griechische Legende, die dem Widder seine Rolle am Firmament verschaffte. Das Tier rettete einst zwei Königskinder und wurde zum Lohn geschlachtet. Sein Fell wandelte sich in das Goldene Vlies, sein Körper wurde zum Sternbild. Opferbereitschaft, Tod und Wiedergeburt sind die Themen dieses narrativen Kurzfilms, der dezidiert mit weiblichen Protagonistinnen arbeitet.

Veitstanz/Feixtanz (1988) 20 Minuten

Filmstil: Veitstanz/Feixtanz (1988)

Ekstatisch zuckende Körper: Das Phänomen des Veitstanzes stammt aus dem Mittelalter, als Menschen öffentlich bis zur Bewusstlosigkeit tanzten. 1988 praktizieren ihn 13 Frauen und Männer in Erfurt bis zur Ekstase. Die unterschiedlichen Körper suggerieren, dass wir alle dazu in der Lage sind, uns im öffentlichen Raum so zu bewegen, wie wir wollen. Gabriele Stötzer trotzt dem tristen DDR-Setting einen eigenen Raum ab, der ins Heidnische zurückgeht und dabei matriarchale Ursprünge aufruft. Ihre Quelle ist der Widerstand. „Dieser Film, der in der DDR – dem Land der sozialistischen Diktatur – gedreht wurde,ist ein Ausdruck der Freiheit, die uns allen innewohnt, wenn wir sie uns nehmen“, so Gabriele Stötzer.

Kentaur (1988) 9 min

Filmstil: Kentaur (1988)

In dem experimentellen Video „Kentaur“ dreht Gabriele Stötzer 1988 den patriarchalen Spieß mit ihrer Kamera um. Sie objektifiziert Männerkörper und -sexualität lustvoll. Ihr Blick gleitet über Männergesichter, Männerkörper und die Flanken kräftiger Pferde.

…hab ich euch nicht glänzend amüsiert? (1989) 12 min

Filmstil: …hab ich euch nicht glänzend amüsiert (1989)

„Im Hinterhof eines besetzten Hauses in Erfurt machte ich im Hochsommer 1989, als noch nicht abzusehen war, das die Diktatur im Herbst fallen würde, eine Malaktion gegen einen aufgestellten Spiegel. Der Film ist eine ins Bild gesetzte Kampfansage an das System, das mich in die Psychiatrie oder ins Gefängnis bringen wollte, weil ich nicht aufgab, mich individuell und künstlerisch in die Öffentlichkeit zu stellen.“ sagt Gabriele Stötzer über ihren Kurzfilm „…hab ich euch nicht glänzend amüsiert?“

zu Gabriele Stötzer:

Seit über fünf Jahrzehnten setzt sich Gabriele Stötzer mit Themen wie Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und Geschlecht auseinander. Ihr eigener Körper spielt dabei oft eine zentrale Rolle – nicht als Objekt, sondern als Schauplatz von Widerstand und feministischer Selbstbehauptung.

Gabriele Stötzers künstlerische Praxis ist untrennbar mit ihrem gesellschaftlichen und politischen Engagement verbunden: Wegen einer Unterschriftenaktion wurde sie 1976 mit dem Vorwurf der „Staatsverleumdung“ in der DDR inhaftiert, woraufhin sie sich dem literarisch-künstlerischen Untergrund anschloss und später die Künstlerinnengruppe Erfurt mitbegründete. Viele ihrer Werke formulieren radikale Gegenentwürfe zu staatlicher Repression und Normierung, indem sie Grenzen unterwandern und Raum für Verletzlichkeit und Sehnsucht öffnen.

(Quelle: Berliner Festspiele)

Foto: Jakobine Motz

Zu Gast:

CLAUS LÖSER, geboren 1962 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), seit 1980 entstehen Texte, Musik und Filme, Filmstudium in Potsdam-Babelsberg (Diplom), freier Filmkritiker und -macher, Autor, Musiker und Kurator, Dr. phil., lebt in Berlin.

Picture: Salih Kurbet

Mit einer Einführung von:

LEA LÜNENBORG ist in Münster geboren, hat Kommunikations- und Medienwissenschaften in Leipzig und Bremen studiert und arbeitet in einer Filmproduktionsfirma in Berlin. Sie interessiert sich für Gesellschaft, Geschlecht und filmische Repräsentation und hat sich mit der Darstellung der Frau im DEFA-Film wissenschaftlich im Rahmen ihrer Master-Arbeit auseinandergesetzt.